Die Andacht ist von Stephanie Eyter-Teuchert. Sie ist Diakoniepfarrerin im Kirchenkreis Wittgenstein.
Der Predigttext steht im 2. Konrintherbrief, Kapitel 6, die Verse 1-10 in Auswahl.
1 Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. 2 Denn er spricht … : Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen. Siehe: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils! 4 ... in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten und Ängsten, 7 … in der Kraft Gottes … 9 … als die Sterbenden, und siehe, wir leben … 10 … als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die, die nichts haben, und doch alles haben.
Und siehe, wir leben. Das ist für mich der Kernsatz dieses Lebens- und Arbeitsprogramms, das Paulus für sich entwirft und an die Gemeinde in Korinth weitergibt. Viele unter uns leben im Wenn-dann-Schema. Wenn erst Feierabend ist, dann lebe ich richtig: Sehe meine Lieblingssendung, treffe mich mit Freunden. Wenn Osterferien sind, dann fahren wir schön weg. Wenn ich danach zur Arbeit komme, dann sage ich dem Chef meine Meinung. Und wenn dann Sommerferien sind oder wenn ich in Rente gehe, dann fängt das Leben richtig an.
Irrtum, sage ich. Irrtum, schreibt Paulus in seinem Brief „Jetzt ist der Tag des Heils, jetzt ist die Zeit der Gnade!“ Damit bezieht er sich auf den Gottesknecht bei Jesaja. Jesus ist im Christentum mit dem Gottesknecht identifiziert worden. Das bedeutet: Mit Jesus Christus hat sich unser Leben gewandelt. Durch ihn hat das Abwarten ein Ende gefunden. Wir leben in und aus seiner Gnade. Wir leben im Hier und Jetzt.
Sich umschauen und erkennen, was da um uns ist, lohnt sich: Die herrliche Natur, die auf das Frühjahr warten lässt. Menschen, mit denen wir zusammen leben und arbeiten. Aufgaben, die vor uns liegen. Da ist Freude zu finden und Dankbarkeit für unser Leben.
Daneben gibt es auch die anderen Gefühle: Gleichgültigkeit, Überlastung, Ängste und Sorgen. Manche unter uns sind einsam, fühlen sich allein gelassen. All das gehört zu unserem Leben hinzu und lässt uns reifen. Und siehe, wir leben. Paulus schreibt in seinem Brief von seinem Verständnis als Apostel und das heißt als Gesandter Christi. Er zählt auf, in welchen Lebensumständen er sich als Diener Gottes gezeigt hat: in Geduld, in Trauer, in Nöten und Ängsten.
Eine ganze Fülle an Bedrängnissen erscheint da vor uns. In all dem hat sich Paulus als treuer Anhänger Christi erwiesen. Paulus drückt hier etwas aus, was mir in meiner Arbeit als Diakoniepfarrerin wichtig ist. Er tut diese Arbeit nicht unter Zwang, sondern freiwillig. Er löst sich aus dem „Wenn-dann-Schema“, weil die Arbeit sein Leben bereichert – er braucht kein Leben im Später.
Es geht darin, wie so oft in der christlichen Botschaft, um die Liebe. Liebe zu den Menschen, zu der Sache, zu Gott, zu uns selbst. Als Christinnen und Christen leben wir aus dieser Liebe. Sie ist der Kern unseres Lebens. Aus ihr entsteht Engagement für andere. Diakonie gibt dazu einen guten Rahmen. Die Arbeit in diesem Bereich ist vielfältig. Da gibt es die Beratungen: Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Sucht- und Schuldenberatung, Betreuungen, Pflegekinderdienst, sozialpädagogische Gruppenarbeit. Es gibt die ambulante Pflege und die Hospizarbeit, Alltagsbegleitung und diakonische Gemeindemitarbeit. Es gibt die Tafeln, Mittagsbetreuung für Schüler und vieles mehr. Ein großes Feld an menschlicher Begegnung, an professioneller Hilfe. Hier arbeiten Menschen mit Einsatz und Menschlichkeit, viele davon ehrenamtlich. Und das Ehrenamt bietet eine Menge: menschliche Kontakte, Möglichkeiten zur Weiterbildung und zur eigenen Weiterentwicklung, eine Gruppe, in der man sich austauschen kann. Da setzt sich der Auftrag, den Paulus für sich beschreibt, um im Alltag von Menschen.
Das gilt eben nicht nur für die „Professionellen“, sondern auch für die, die Zeit übrig haben und sie sinnvoll füllen wollen. Und darin finden wir das wieder, was Paulus auch nennt: die Kraft Gottes, die uns trägt. Dazu brauchen wir eben nicht so viel Materielles, schöne Dinge, welche uns die Werbung anpreist. Wir brauchen Fröhlichkeit und die Bereitschaft, anderen zu begegnen.
Dann gelten diese Worte auf einmal auch für uns: als die Armen, die doch viele reich machen; als die, die nichts haben und doch alles haben. Und es gilt auch dies: Als die Sterbenden und siehe, wir leben.
Denn natürlich werden wir sterben, wird unser Leben ein Ende haben. Aber dieses Ende hat nicht das letzte Wort. Wir sind als Christinnen und Christen hineingekommen in die Verheißung der Auferstehung. Was wir dazu tun können, ist: uns einlassen auf das Leben mit seinen vielfältigen Angeboten und Aufgaben, und darin auf Gott vertrauen. Gott wird uns begleiten, wird an unserer Seite stehen. Meine Erfahrung ist: Er wird gerade dann da sein, wenn wir allein nicht weiter können.
Lebendiger Gott, du rufst uns heraus aus unserem Alltag, hinein in deinen Dienst oder rufst uns heraus aus der Hoffnungslosigkeit. Lass uns einfach aufstehen gegen das, was uns lähmt, gegen die Freudlosigkeit, gegen Ungerechtigkeiten in unserem Leben. Denn wir leben aus dem Vertrauen in dich. Amen.