Kinder können es ihren Eltern schwer machen – oder umgekehrt? Manche Kinder schlüpfen in die Rolle des Rebellen, Versagers oder Außenseiters, weil sie keine andere Möglichkeit sehen. Karin Vorländer erzählt in „Unsere Kirche“ vom Umgang mit schwarzen Schafen, Sündenböcken und Rebellen in der Familie.
Mit Fleiß und Disziplin haben Helenes Eltern es geschafft, sich eine Existenz aufzubauen. Sie stammen, wie sie immer betonen, aus „kleinen Verhältnissen“. Als ihr ältester Sohn vor drei Jahren bei einem Autounfall umkam, war das ein schwerer Verlust. „Er war so ein wunderbarer Junge“, heißt es seither. Dass ihr zweiter Sohn jetzt mit Bravour das Abitur geschafft hat und Aussichten auf ein Stipendium hat, ist ihr ganzer Stolz. Für Helene (16) dagegen schämen sie sich: Sie raucht, sie kleidet und schminkt sich auffällig, sie kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, und es ist fraglich, ob sie einen Schulabschluss schafft. „Wenn du so weitermachst, endest du in der Gosse oder bei Hartz IV“, bekommt Helene fast täglich zu hören.
Seit der Scheidung vor drei Jahren erzieht Annette ihre drei Kinder allein. Mit den beiden Töchtern gibt es keine Probleme. Aber ihr Ältester, der 16-jährige Patrick, der seinem Vater so ähnlich sieht, provoziert sie durch Unzuverlässigkeit und Leichtsinn. Er umgibt sich mit falschen Freunden, war schon mehrmals betrunken, und sie hat den Verdacht, dass er ihr Geld gestohlen hat. „Ich kann dir ja sowieso nichts recht machen“, blockt Patrick alle Vorhaltungen ab. Anders als seine Schwestern verbringt er jedes zweite Wochenende gerne bei seinem Vater. Und das, obwohl der seit Monaten den Unterhalt für die Kinder schuldig bleibt.
Ständig eckt Tim (8) an. In der Familie, in der Klasse, im Sportverein, in der Jungschar. Wo immer er auftaucht, stiftet er durch impulsives Verhalten und Ungeschick Chaos. Er hält sich nicht an Regeln, schafft es im Handumdrehen, in einer Gruppe von Gleichaltrigen andere gegen sich aufzubringen. Auch seine beiden Geschwister sind nicht gut auf ihn zu sprechen. Im Streit hat er erst neulich deren angefangenes Puzzle einfach vom Tisch gefegt. Auf Ermahnungen reagiert er bockig und störrisch. Das Ganze endet seinerseits oft in einem Wutanfall und hilflosem Schimpfen auf Seiten der Eltern. Tims Eltern fragen sich inzwischen:„Was haben wir falsch gemacht bei seiner Erziehung?“ Sie haben kaum noch Mut oder Lust, den stets unerzogen wirkenden Tim zu Besuchen mitzunehmen. Und wenn Besuch kommt, haben sie das Gefühl, sich für ihren Jüngsten entschuldigen zu müssen. Neulich hat Tim wütend und traurig ausgedrückt, wie er sich fühlt: „Ich bin wohl hier das schwarze Schaf.“
Es gibt viele Konstellationen, die Kinder zum schwarzen Schaf in der Familie werden lassen. Und das, obwohl die Eltern die ehrliche Absicht hatten, dieses Kind lieb zu haben. Und obwohl jedes Kind den tiefen Wunsch hat, es seinen Eltern recht zu machen.
Kein Kind kommt als „schwarzes Schaf“ zur Welt. Temperament, Konstitution, Geschwisterkonstellation und die Paarbeziehung der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn ein Kind in einer Familie als schwierig gilt und als Ursache für Konflikte und Probleme ausgemacht wird. Das „schwarze Schaf“ seinerseits fühlt sich ungerecht behandelt und ungeliebt. Ist die Rolle erst mal festgeschrieben, wird das betroffene Kind sich so verhalten, wie es charakterisiert wird. Schuldzuweisungen, Festlegungen und Konflikte haben verschüttet, was an Konstruktivem und Positivem in jedem Kind wohnt. So gibt der „Sündenbock“ die Hoffnung auf, auch auf konstruktivem Weg die Anerkennung der Eltern und seinen Platz im Geschwisterkreis zu gewinnen. Ein Kind, das immer wieder gesagt bekommt, wie schwierig und unmöglich es ist, wird keinen Grund sehen, anders zu sein.
Gar nicht selten ist es so, dass sich im „schwarzen Schaf“ der Familie die Probleme des Elternpaares oder der Lebensgeschichte eines Elternteils wie in einem Brennglas fokussieren. „Die Erkenntnis, dass ein schwarzes Schaft ein Symptomträger sein kann, ist für Eltern oft eine harte Nuss“, erlebt Familientherapeutin Renate Lang immer wieder. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisung oder Verurteilung von Eltern. Wenn ein Kind schwierig ist, spiegelt sich darin oft eine Gesamtbelastung in der Familie wieder. Das „schwarze Schaf“ nimmt das wahr und will – so paradox es sich anhört – mit seinem Verhalten das System Familie in Balance bringen. „Haben Sie abgesehen von diesem Kind keine Probleme?“ Diese Frage öffnet oft den Zugang zu einer neuen Betrachtung der Gesamtsituation.
Im Fall von Patrick etwa dämmerte es seiner Mutter Annette, dass sie die Trauer über die gescheiterte Ehe und ihren Zorn auf ihren Ex-Mann auf ihren Sohn übertrug. Weil Patrick zudem ihrem Ex-Ehemann äußerlich so sehr ähnelt, hatte sie ihn innerlich festgelegt:„Du bist genau wie dein Vater“.
Auch ein Blick auf die Geschwister- und Rollenkonstellation einer Familie ist oft hilfreich. So hat etwa Helene gegen zwei ältere „Überbrüder“ zu kämpfen. Der verstorbene Bruder erhielt so etwas wie einen „Heiligenschein“, und der noch lebende Bruder ist durch seine überragenden Leistungen der in der Verwandtschaft stolz präsentierte Vorzeigesohn. Helene entschied sich unbewusst dafür, gar nicht erst in Wettbewerb zu den beiden zu treten und die „Rebellin“ der Familie zu sein. Womöglich erfüllt sie mit ihren Eskapaden auch den geheimen Wunsch ihrer Mutter, sich auch selbst einmal ein paar Freiheiten zu erlauben, statt stets die vorbildliche tadellose Tochter und Ehefrau zu sein.
Den Schlüssel zu Tims Verhalten fanden seine Eltern, indem sie ihn bei einem Neurologen vorstellten. Der stellte nach ausführlichen Tests eine Reizverarbeitungsstörung, auch als MCD (Minimale Reizverarbeitungsstörung) bekannt, fest. Sie kann als die Ursache für Tims Verhalten gelten Tim braucht keine ständigen Zurechtweisungen, sondern spezielle Förderung. Und er braucht Eltern, die die Zusammenhänge zwischen dem hirnneurologischen Defizit und Tims Verhalten erkennen und ihre Reaktionen darauf einstellen. Manchmal steckt eben hinter einem „schwarzen Schaf“ auch ein nicht ganz gesundes Lämmchen.