Seefahrer

Gut, dass es den Duckdalben gibt

Sie kennen die Meere dieser Welt. Aber die Einsamkeit reist mit. Der Seemannsclub in Hamburg hilft den Seeleuten, die Arbeit für paar Stunden hinter sich zu lassen
Antonel Mardunovic sitzt an einem Tisch im Billardraum. Seine kräftigen Hände stecken in den Taschen des grauen Kapuzenpullovers. „Ich kann es kaum abwarten, nach Hause zu kommen." Der Seemann zieht die Schultern hoch. Das Klacken von zwei aufeinandertreffenden Billardkugeln knallt durch den Raum. Seit Juni ist Antonel Mardunovic auf See, gerade macht sein Schiffstation im Hamburger Hafen. Am 20. Oktober wurde seine Tochter geboren. Jetzt ist es November. Und der 31-Jährige ist immer noch unterwegs. Sein Schiff fährt zwischen Europa und Asien. Vier bis fünf Monate am Stück ist Antonel Mardunovic an Bord. Er sieht die Häfen von Southampton, Malta oder Hongkong. Aber nicht seine Tochter. „Meine Kleine wird wohl eine kleine Dame sein, wenn ich das nächste Mal nach Hause komme", sagt er und lächelt traurig aus seinen dunklen Augen.
Gut, dass es den Duckdalben gibt: In dem Seemannsclub kann Antonel Mardunovic Musik hören und Billard oder Tischtennis spielen, während sein Schiff im benachbarten Eurogate be- und entladen wird. Aber nicht nur das: Hier kann er telefonieren, einen schnellen Internetzugang nutzen, andere Seeleute treffen oder mit einem der Clubmitarbeiter plaudern. „An diesem Ort muss ich mal nicht an den riesigen Berg aus Stahl denken" sagt der 3. Offizier und meint damit die CMA CGM Aquila; 12 000 Container passen auf das 370 Meter lange Schiff.
Seit einem Vierteljahrhundert gibt es den Seemannsclub Duckdalben. „Eigentlich fing alles mit einem Telefon für Seeleute an, damit sie günstig nach Hause telefonieren können" sagt Gründer und Clubleiter Jan Oltmanns. Damals war man auf den Besuch von bis zu zwanzig Männern eingerichtet. Heute kommen im Schnitt 115 Seeleute pro Tag. „Weihnachten werden das dann gut und gerne mal dreihundert." Aus dem Telefon ist eine ganze Reihe von Telefonzellen mit bunten Türen geworden, in denen Ordner mit den Ländervorwahlen dieser Welt hängen. Viele Seeleute nutzen natürlich auch ihre Laptops, auf deren Bildschirmen meist eine Frau zu sehen ist, die einige Tausend Kilometer entfernt in einem Telefonshop sitzt. Sie telefonieren via Internet, mit Hilfe des Programms „Skype". Einen Internetzugang zum Skypen gibt es an Bord der Schiffe selten. Und die Zeit, alle Telefonate im Duckdalben zu erledigen, ist knapp. Sagt )an Oltmanns. „Die meisten bleiben gerade einmal drei Stunden bei uns, dann müssen sie wieder an Bord, weil das Schiff schon wieder ablegt", sagt Jan Oltmanns.
Auch Antonel Mardunovic hat seinen Laptop mitgebracht. Hauptsächlich um sich Filme herunterzuladen - und Fotos von seiner Tochter. Und um mit seiner Frau zu skypen. Auch er hat nur wenig Zeit. Die Be- und Entladung seines Schiffes dauert maximal 24 Stunden. Und das ist nicht automatisch
Freizeit für Antonel Mardunovic. Auf See arbeitet er schon mindestens zehn Stunden pro Tag. Im Hafen werden daraus leicht 15 Stunden. Der 3. Offizier kümmert sich um die Ladevorgänge, überwacht die Stabilität des Schiffes oder erledigt den Papierkram mit der Wasserschutzpolizei. Er hat Glück, dass er nur zehn Minuten vom Eurogate hierher braucht. So kann er die kurze freie Zeit optimal nutzen.
Die Lage des Duckdalben ist voller Symbolik. Vom Containerterminal Eurogate schallt das Quietschen der Kräne und Winden herüber. Im Minutentakt rattern Güterzüge über die Gleise hinter dem Haus. Und auf der Autobahn 7 rauscht der Verkehr aus dem Elbtunnel vorbei. Dieser Verkehrsknoten kennt keine Pausen, und mitten drin steht das Rotklinkerhaus mit dem Seemannsclub. Hier machen die Menschen Pause, die sonst die globale Logistik-Maschinerie am Laufen halten. Dass der Duckdalben eine wichtige Anlaufstelle für sie ist, symbolisieren die Rettungsringe, die im Eingang unter der Decke hängen: Geschenke von Mannschaften, die mit Edding ihre Namen neben die Schiffsnamen geschrieben haben.
Gut, dass es den Duckdalben gibt: Lange her sind die Zeiten, als die großen Schiffe stadtnah anlegten und ihre Besatzungen auf die Reeperbahn ausschwärmten. Heute liegen die Terminals weit draußen. So wie Mardunovics Frachter am Eurogate. Für einen Kiezbummel fehlt den Besatzungen das Geld; die meisten Seefahrer stammen aus Ländern, in denen niedrige Löhne gezahlt werden. Hinzu kommt, dass nach dem 11. September 2011 auf Drängen der USA die Sicherheitsbestimmungen stark verschärft wurden - weltweit auch in den Häfen. Zäune schotten die Kaianlagen ab. Es gibt kaum noch Kioske im Hafen. Viele Seeleute kommen überhaupt nicht von Bord, weil das nur mit großem Verwaltungsaufwand möglich wäre.
„Die Fahrt mit dem Taxi vom Eurogate in die Innenstadt kostet hin und zurück 50 Euro und dauert eine Stunde", erzählt Antonel Mardunovic. Seine Heuer will er zusammenhalten. Antonel Mardunovic stammt aus der kleinen Hafenstadt Bar in Montenegro. Als kaufmännischer Angestellter hat er dort um die 350 Euro im Monat verdient. Das Preisniveau in seiner Heimat sei aber ähnlich wie das in Deutschland, erzählt er. Seit drei Jahren fährt er nun zur See - und verdient das Zehnfache seines alten Gehaltes. „Die Arbeit ist hart, aber ich kann davon wenigstens meine Familie ernähren, und trotz der Einsamkeit liebe ich die Freiheit und Faszination der Seefahrt."
Als wollte er seine Worte nochmals betonen, nickt Antonel Mardunovic und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Eine Gruppe Filipinos ist gerade angekommen. Die eine Hälfte
strebt auf die Billardtische zu, die andere setzt sich an den Tresen. Freude strahlt aus den Gesichtern der Männer.
Die Mannschaften können vom Schiff aus im Duckdalben anrufen und werden mit einem der VW-Busse des Clubs abgeholt. Das nutzen besonders viele von ihnen bei Sonderveranstaltungen wie der Sportwoche mit Basketball-, Fußball-, oder Tischtennisturnier.
Das Team vom Seemannsclub, in dem neben Sozialarbeitern viele ehrenamtliche Helfer tätig sind, lässt sich einiges einfallen. Manchmal grillen sie Schweinekopf philippinische Art über dem offenen Ölfass; die Hälfte der Clubbesucher sind Filipinos. Am Tresen verkaufen die Helfer Zahnpasta, Tabak, Seife, Krupuk oder geröstete Schweineschwarte. In einem Hinterzimmer gibt es eine Karaoke-Bar. Seit neuestem bietet der Duckdalben sogar einen Gesundheitsservice an. Die Wände des Clubs sind gepflastert mit maritimen Fotografien und Bildern, mit Andenken und Skurrilitäten. Zettel in kyrillischer Schrift hängen neben einer Adressenliste mit Chinarestaurants in chinesischen Schriftzeichen.
Im Club herrscht Trubel mit babylonischem Sprachgewirr. Nicht immer die passende Stimmung. „Wenn die Seeleute erst mal eine Stunde mit Zuhause telefoniert haben, sieht die Welt für sie nicht so rosig aus", sagt Clubleiter Jan Oltmanns. Traurige Seeleute ziehen sich in den Raum der Stille zurück. Einträchtig stehen hier die Schreine, Statuen und Bücher der Weltreligionen beieinander, ob Buddhafigur, Kruzifix, Elefantengott Ganesh oder der Koran. Vor allem aber hilft es, wenn andere Menschen sie aufmuntern. „Wir haben schon so manchen wieder zum Lachen gebracht, der zusammengesunken am Tresen gesessen hat." Im Duckdalben tickt die Welt anders, es geht nicht um Geld, Normen oder Daten, sondern um die Menschen.
„Der Duckdalben ist unser Vorzeigeclub" sagt Heike Proske. Als Generalsekretärin der 125 Jahre alten Seemannsmission vertritt sie 32 Seemannsclubs im Diakonischen Werk der EKD e.V. Die Hälfte der Clubs wird in Deutschland betrieben, die anderen liegen zwischen Finnland und Südafrika, Shanghai und Valparaiso. „Die Energie und Freude der im Duckdalben engagierten Menschen bekommen die Seeleute zu spüren." Dafür wird der Club oft international ausgezeichnet.
Immer wenn sein Schiff in Hamburg anlegt, kommt Antonel Mardunovic in den Duckdalben und fährt seinen Laptop hoch. „Gäbe es solche Clubs in allen Häfen, wäre das Leben für uns um einiges leichter", sagt er. Heute Abend legt sein Schiff wieder ab. Schon morgen legt es in Zeebrügge an. Gut, dass der Internetzugang im Duckdalben so schnell ist.

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