Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen - oder doch? Gedanken nach dem Umzug in ein Wohnstift
Wie mag es ihm ergehen, dem alten Baum, wenn er verpflanzt, dort, wo er lange, vielleicht sein ganzes Leben lang, gestanden hat, ausgegraben und in einen anderen Garten, in fremde Erde, eingepflanzt wird? Wird er aus Gram über den Verlust seiner Heimat verkümmern, wird gleichsam die Weide zur Trauerweide werden? Oder wird er den Umzug überstehen, neue Wurzeln schlagen und im nächsten Frühjahr wieder Blätter und Blüten treiben? Ich denke, das kommt darauf an, wie die Juristen zu sagen pflegen, nämlich auf seine Lebensverhältnisse und seine Fähigkeit, vor allem seinen Willen, Vertrautes aufzugeben und sich auf Neues einzulassen.
Bleiben oder gehen, wohl die weitestreichende Entscheidung, die Mann oder Frau, älter geworden und aus dem Berufsleben ausgeschieden, noch zu treffen haben. Hoffe ich, mit Gottes und der Nächsten Hilfe bis an das Ende meiner Tage in meinem Haus, meiner Wohnung leben zu können, oder suche ich mir - rechtzeitig - einen neuen Lebensraum und hoffe, dort am besten gegen das, was da kommen wird, gewappnet zu sein?
Wir, meine Frau und ich, haben uns entschieden. Wir haben unser Haus verkauft und sind in ein Wohnstift gezogen, in dem wir nun mit fast 400 Anderen, die auch alt und älter geworden sind, zusammen leben. Unsere Motivation? Nun, wer in einer großen Familie lebt und „im Falle eines Falles" auf seine Kinder, Enkel, Urenkel, Nichten, Neffen oder andere gute Menschen bauen kann - und will (!), der wird sich über seine Zukunft wohl kaum Gedanken machen. Warum auch? Wie aber, wenn solch ein familiärer Schutzmantel nicht im Schrank hängt? In diesem Fall wird zumal ein Behinderter, etwa ein Blinder oder Sehbehinderter, sich vernünftigerweise fragen, was denn geschehen soll, wenn er oder der Partner oder die Partnerin sich nicht (mehr) um seine Angelegenheiten kümmern kann, er Hilfe, Unterstützung, vielleicht gar Betreuung und Riege benötigt. Sind dann die Nachbarn am Zuge, der mobile Hilfsdienst, Essen auf Rädern, die - in regelmäßigen Zeitabständen wechselnde - Polin? '
Wir haben diese Option für uns verworfen, haben wir doch erlebt, wie es unserer betagten Nachbarin ergangen ist, die, von vielen helfenden Händen gestützt und getragen, lange allein in ihrer Wohnung gelebt hat, bis sie ihr Leben dann eines Tages doch nicht mehr allein meistern konnte und in einem geeigneten Haus ein Platz für sie gefunden werden musste, ganz schnell und ganz unvorbereitet. Die Erfahrungen, die sie nun hat machen müssen, waren uns Anlass genug, unsere eigene Zukunft in den Blick zu nehmen. Nachbarn kann man einmal und noch einmal, aber nicht andauernd in Anspruch nehmen, die schon fast sprichwörtliche Polin bekommt nicht nur ein Entgelt, sie braucht auch eine Wohnung, und ein wachsames Auge, welches ihre Arbeit kritisch begleitet, sollte auch vorhanden sein, ein Haus kann man auf Dauer allein, ohne fremde Hilfe, kaum halten - ähnlicher Gesichtspunkte gibt es viele. Uns erscheinen aber, wenn wir an unsere Zukunft
denken, Sicherheit, Stetigkeit und Verlässlichkeit wichtig, und dies nicht nur heute, sondern auch noch morgen und übermorgen. Und deshalb haben wir uns eine Umgebung gesucht, in der sie uns gewährleistet erscheinen, einfach deshalb, weil hier Professionalität, Engagement, Erfahrung und Konstanz das Tun derer bestimmen, die hier arbeiten. Dabei ist eine Sehbehinderung nichts Besonderes, sie findet sich bei vielen älteren Menschen, die AMD z. B. fordert zahlreiche Opfer.
Und warum haben wir uns gerade für „unser" Haus entschieden? Weil wir uns mit einer Reihe verschiedener Angebote beschäftigt und schließlich hier das gefunden haben, das unseren Wünschen, unseren -sicherlich ganz und gar subjektiven - Vorstellungen -andere mögen andere Prioritäten setzen - am ehesten entspricht. Wir wollen, wenn auch mit reizvoller Umgebung und Aussicht, aber in einer Stadt leben, nicht in einer abgelegenen Seitenstraße, mag es dort auch noch so ruhig sein, und auch nicht hinter den sieben Bergen, mag es dort auch noch so grün und idyllisch sein. Wir legen neben den selbstverständlichen Grundlagen des täglichen Lebens Wert auf ein gepflegtes Ambiente, Atmosphäre und kulturelle Vielfalt - die Kulturreferentin ist mit nichts anderem als Kultur (sehr) beschäftigt.
Wo viele Menschen unter einem Dach zusammenleben, kommt es auch zu vielen Begegnungen. Zuweilen, im Lift vielleicht oder im Park, trifft man auch Menschen, die sich, erkennbar von Alter und Krankheit gezeichnet und den Tag über wohlbehütet, in eine eigene, enge Welt zurückgezogen haben, aus der sie nicht mehr herausfinden. Und manchmal mag die Rollatorendichte im Foyer an die Fahrzeugdichte auf der Kö erinnern. Solche und ähnliche Erfahrungen sind eine ständige Mahnung, ein immer wiederkehrendes memento mori: Freue Dich des Lebens, solange Du Dich noch freuen kannst! Genieße jeden Tag, der Dir gegeben, unendlich viele werden es nicht sein!
Viele Begegnungen aber sind nicht nur willkommen und unterhaltsam, sondern geradezu unerlässlich. Denn die alten Freunde, die Bekannten, die Nachbarn, sie sind jetzt nicht mehr nahe, nicht mehr ganz in der Nähe, leicht zu besuchen oder einzuladen. Sie leben jetzt 50 km oder 100 km entfernt, und die räumliche Distanz macht die Pflege auch alt gewohnter, liebgewordener Beziehungen nicht eben leichter. Angesichts dessen ist es ratsam, ja notwendig, nach Mitmenschen Ausschau zu halten, die auf derselben Wellenlänge senden wie man selbst, zu denen man
Kontakte aufbauen, die man vielleicht sogar, mit etwas Glück, zu Freunden gewinnen kann. Gelingt das nicht, drohen Einsamkeit und Alleinsein, mögen auch viele Menschen drumherum leben, sicherlich kein erstrebenswerter Zustand. Dies gilt auch, ja, vor allem, für den Behinderten, den Sehbehinderten, den Blinden. Wie heißt es doch bei Erich Kästner in „Der Blinde an der Mauer": Wer nichts sieht, wird nicht gesehen, wer nichts sieht, ist unsichtbar!
Natürlich, alles hat seinen Preis. Alte Volksweisheit: Das Leben ist schön, aber teuer, man kann es auch billiger haben, dann ist es aber nicht mehr so schön. Das gilt auch hier. Wer 1.800 € monatlich zur Verfügung hat, kann sich nicht in einem Nest niederlassen, für das er gerade das zu zahlen hat, man hat ja auch noch andere Bedürfnisse; ein Kriterium, mit dem ein jeder sich für sich selbst auseinandersetzen muss.
Es ist wie immer im Leben: Man muss wissen, was man will und was man (sich leisten) kann. Wer in seinem Haus oder in seiner Wohnung lebt in der festgefügten, unerschütterlichen Überzeugung „My home is my Castle, von hier gehe ich nicht fort", der wird nirgends sonst, an keinem anderen Ort, glücklich werden, wäre dieser Ort auch ideal (was es bekanntlich in der realen Welt nicht gibt). Wer hingegen danach trachtet, Vorsorge zu treffen, soweit das einem Menschen möglich ist, zumal im Blick auf eine Behinderung, und einen Ort gefunden hat, der seinen Vorstellungen und Möglichkeiten entspricht, der hat durchaus die Chance, dort Wohlbefinden und Zufriedenheit zu erreichen, wenn es ihm denn gelingt, sich in den Mikrokosmos, den er dort vorfinden wird, einzufügen - was auch von jenem Mikrokosmos abhängt, vor allem aber von ihm selbst.